Das KJHG sieht im Rahmen der Maßnahmen nach § 35 umfangreiche Möglichkeiten für Hilfsangebote
an Jugendliche in ihrer Entwicklung vor. Dabei kann es in Einzelfällen notwendig sein, auf
extreme Situationen mit extremen und dem Außenstehenden schwer verständlichen pädagogischen
Mitteln zu reagieren, um dem Heranwachsenden noch eine Entwicklungschance zu geben.
Dazu gehören erlebnispädagogische Maßnahmen im Ausland.
Wir möchten hier ein Projekt vorstellen, das von seinen Umfeldbedingungen her
außergewöhnliche Möglichkeiten bietet, wichtige pädagogische Ziele zu erreichen und dies in
der Praxis nachgewiesen hat.
Der Pfad ins Leben e.V., gegründet im Mai 1997, ist hervorgegangen aus dem Bund der
Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) Landesverband Thüringen e.V., der seit 1994
anerkannter Träger der Jugendhilfe und über seinen Bundesverband anerkanntes Mitglied der
Weltpfadfinderorganisationen WOSM und WAGGGS sowie des Deutschen Bundesjugendrings ist
und hält mit diesem Kooperationsbeziehungen.
Dabei setzen die Mitglieder und Mitarbeiter des Pfad ins Leben e.V. auf Synergieeffekte
zwischen den beiden Vereinen, insbesondere
Es können bis zu 8 Jugendliche (Jungen/Mädchen) im Projekt für 8 bis zu 12 Monaten betreut
werden. Das ideale Alter ist 14-17 Jahre.
Die Betreuung im Projekt ist sinnvoll, wenn der Jugendliche weiß, was ihn erwartet und der
Maßnahme zugestimmt hat.
Er muß die Maßnahme als Chance für sich begriffen haben.
Spezielle Gründe für eine Betreuung im Projekt können sein:
Ziel soll es in jedem Fall sein, die Fähigkeit und Motivation zu einer gezielten und selbstverantworteten Lebensplanung
und ihrer Umsetzung zu vermitteln. Dazu sollen mit erlebnispädagogischen Mitteln über eine extreme Umfeldänderung
Verhaltensmuster in Frage gestellt und neue gezielt entwickelt werden. Das geschieht zum einen durch Umfeldwirkung
und zum anderen durch die gezielte Verstärkung dieser Wirkung durch die Mitarbeiter.
Dabei soll auf eine ständige Outdoor-Situation bewußt verzichtet werden, da der Rückkopplungseffekt auf die
gewohnten Lebensverhältnisse erfahrungsgemäß nicht besonders hoch ist. Dagegen können Effekte aus der normalen
Lebensalltagssituation im Projekt wesentlich besser transferiert werden.
Die Projektorte Bolscheretschje und Tefris liegen im Norden des Omsker Gebietes der russischen Föderation. Bolscheretschje liegt etwa 150 km nordwestlich, Tefris etwa 400 km nordöstlich der Millionenstadt Omsk im Randgebiet des für sibirische Verhältnisse dichtbesiedelten Waldsteppengebietes. Nach Norden ist so gut wie keine Besiedlung zu verzeichnen. Bolscheretschje und Tefris liegen am Fluß Irtysch.
Hauptwirtschaftszweig ist die Landwirtschaft. Neben der obligatorischen Eigenversorgung gibt es Großbetriebe (Kolchosen). Weitere Wirtschaftszweige sind Forstwirtschaft und Baubetriebe.
Beide Orte sind durch eine feste Straße mit Omsk verbunden und werden täglich zwei- bis dreimal von Bussen oder Schiffen aus Omsk angefahren. Die Fahrzeit beträgt ca. 5-8 Stunden.
Omsk wiederum ist mittelbar über Moskau oder auch direkt über Fluglinien mit Deutschland verbunden, es gibt täglich mind. eine Flugverbindung. Die Reisezeit Jena-Bolscheretschje/Tefris beträgt in der schnellsten Variante (Flug) ca. 24 Stunden.
Das Gebiet Omsk gehört zu den politisch ruhigsten und wirtschaftlich stabilsten Regionen Rußlands. Hier versteht man, was es bedeutet, daß "Moskau weit ist".
Zusammen mit der sprichwörtlichen Offenheit und Gastfreundschaft der Sibirier entsteht eine Atmosphäre der Sicherheit und Geborgenheit.
Sibirisches Sprichwort: "Alle schlechten Menschen wohnen hinterm Ural..."
Die Milizionäre im Ort tun ihr übriges.
Die Bevölkerung hat zu allen Fremden ein ausgesprochen herzliches und gastfreundliches Verhältnis. Man hat sofort das Gefühl dazuzugehören.
Die Projektorte sind einerseits so provinziell, daß Kriminalität, Drogen (außer der Volksdroge Alkohol), keine Rolle spielen, besitzt andererseits eine komplette Infrastruktur, bestehend aus:
Es besteht ein freundschaftliches Verhältnis zum jeweiligen Leiter der örtlichen Administration für Jugend- und Bildungsfragen, sowie eine generelle vertragliche Regelung über die Zusammenarbeit mit der örtlichen Administration.
Es gibt freundschaftliche Verbindungen zu einzelnen Familien im Ort, die bei Fragen des täglichen Lebens helfen und das Projekt insgesamt ins gesellschaftliche Leben einfügen.
Die Umgebung mit Taiga und Fluß ist ideal für zeitlich begrenzte Outdoor-Aktivitäten. Das Leben der Bevölkerung ist fest mit der sie umgebenden Natur verknüpft.
Die Versorgungslage ist stabil.
Die gesundheitliche Versorgung wird durch das Kreiskrankenhaus, in komplizierten Fällen durch moderne Einrichtungen in Omsk abgesichert, die jedem Problemfall gewachsen sind. Diese sind teilweise privat, die Behandlungskosten werden über die Auslandskrankenversicherung abgedeckt.
Im Falle akuter psychischer Erkrankungen erfolgt eine Rückführung nach Deutschland, sofern eine therapeutische Behandlung vor Ort nicht möglich ist.
Die Projektkonzeption erzeugt einige positive Nebeneffekte, die insbesondere in der Betreuung von schwer verhaltensgestörten Jugendlichen von Bedeutung sind.
Schulische und berufliche Entwicklung sind zentrale Gradmesser einer erfolgreichen Betreuung.
Der lange Zeitraum des Auslandsaufenthaltes bedingt eine schulische Weiterentwicklung bzw. Berufsvorbereitung als notwendige Bestandteile des Hilfeplanes.
Schule ist in einer individuellen Form Bestandteil des Projektes und fester Punkt im Tagesablauf.
Je nach Ausgangssituation werden im Projekt folgende Ziele allein oder nacheinander umgesetzt:
Zu diesem Zweck hat uns der russische Partner auf Vertragsbasis Zugang zu den Einrichtungen und Lehrkräften der örtlichen Berufsschule verschafft, so daß Fertigkeiten auch bereits in berufstypischen Umfeldern erworben werden können (Holzarbeiten, Schweißen, Autoschlossereiarbeiten etc.).
Als wesentlichen Bestandteil der Maßnahme sehen wir geeignete Formen der Vor- und Weiterbetreuung an.
Einfache "Verschickungsprojekte" werden von uns nicht angeboten, da der "Back home"-Effekt den Erfolg der ganzen Maßnahme gefährdet, sofern dieser nicht durch den vertrauten Betreuer egalisiert wird.
Die Vorbetreuung umfaßt einen Zeitraum von ca. 4 Wochen und findet in der Regel in einer erlebnispädagogischen Situation in z.B. Schweden, Tschechien oder -in Einzelfällen- auch Deutschland statt
Wichtige Ziele der Vorbetreuung sind:
Dabei erfolgt die Betreuung schon teilweise in einer erlebnispädagogischen Form (Bootstour, Zeltwanderung etc.). Der Jugendliche hat durchaus das Recht, den Betreuer im Ergebnis dieser Vorbetreuung abzulehnen, gleichfalls natürlich der Betreuer, wenn ein Fall sich in näherer Betrachtung als für das Projekt ungeeignet erweist.
Die Weiterbetreuung erfolgt in der Regel für mind. 1 Jahr und muß im Jugendhilfeplan nach den Wünschen des Jugendlichen sowie der konkreten Entwicklungssituation vereinbart werden.
Das wird in der Regel unser Hof in Thüringen sein, kann aber auch eine integrative Wohngemeinschaft, oder aber auch eine familienorientierte Einzelbetreuung sein. Nach Möglichkeit wird eine Betreuung bis zur Wiedereingliederung in die Herkunftsfamilie bzw. bis zur Volljährigkeit durch den Träger realisiert.
Dabei spielt die Möglichkeit der gleichzeitigen Integration in die Freizeitgestaltung des dem Träger nahestehenden Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder LV Thüringen e.V. eine wichtige Rolle im Aufbau neuer Sozialisationsfelder, natürlich nur, wenn ein entsprechendes Interesse besteht.
Wichtig ist es, im Auslandsaufenthalt geänderte soziale Verhaltensmuster auch unter den vorherigen Bedingungen zu stabilisieren bzw. diese Bedingungen (Umfeld, Freizeitgestaltung, Lebensperspektive) so zu verändern, daß kein Rückfall in alte Verhaltensmuster erfolgt.
Zentraler Ansatz ist dabei die Kontinuität in der Betreuung durch denselben Betreuer wie im Ausland sowie die Integration in ein neues Freizeitumfeld.
Ziel ist es, den Jugendlichen soweit zu verselbständigen und zu stabilisieren, daß er
Der Erfolg einer Maßnahme hängt in entscheidendem Maße von der Zusammenarbeit der beteiligten Erziehungsträger ab. Insbesondere in Auslandsmaßnahmen ist diese häufig durch fehlende Informationsstrukturen gefährdet. Das Projekt legt deshalb besonderen Wert auf folgende Elemente
Das Projekt lebt von den sich ergänzenden Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiter. Konkret werden im Projekt für je einen Jugendlichen ein Erzieher oder Sozialpädagoge beschäftigt.
Diese Mitarbeiter betreuen zusammen in einer Kombination aus Einzelbetreuung und Gruppensituation jeweils bis zu 4 Jugendliche an 4 verschiedenen Projektstandorten (Höfen) im selben Ort bzw. in Orten der näheren Umgebung von Bolscheretschje und Tefris.
Die Mitarbeiter ergänzen sich als Team sowohl in der sozialpädagogischen, als auch in der praktischen Absicherung der Maßnahme. Einerseits ist das Team jung genug, um in erlebnispädagogischen Aktionen jede Situation auch körperlich und psychisch zu beherrschen, andererseits berufs- und lebenserfahren genug, um den Jugendlichen als ernstzunehmende Bezugspersonen zur Verfügung zu stehen.
Aufgabe der Projektleitung ist es u.a., in regelmäßigen Teamberatungen Betreuungs- und individuelle Probleme reflektieren zu lassen. Durch den Träger wird von Deutschland aus eine organisatorische und fachliche Betreuung des Projektes sichergestellt.
Die Mitarbeiter sind an die Betreuung eines konkreten Jugendlichen gebunden und übernehmen auch die Weiterbetreuung in Deutschland, die untrennbarer Bestandteil des Projektes ist. Ihr Aufenthalt vor Ort richtet sich nach den im Hilfeplan festgeschriebenen Erfordernissen des Einzelfalles.